Vor der Staatsgründung
Palästinensisch-arabische Aufständische, 1938;
PLO Collection, Institute for Palestine Studies, hanini.org, Public domain, via Wikimedia Commons.
Das Osmanische Reich erstreckte sich bis 1920 für mehrere Jahrhunderte über ein Gebiet, das zur Zeit seiner größten Ausdehnung im 17. Jahrhundert von Bagdad bis Budapest und in Nordafrika bis Algier reichte. Seit dem frühen 16. Jahrhundert befand sich auch derjenige Landstrich unter osmanischer Herrschaft, der unter der Bezeichnung Palästina bekannt ist.
Das Klima dieses Landstriches war unwirtlich, der Boden schwer zu kultivieren. Die arabisch-muslimische Mehrheitsbevölkerung war Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend ländlich geprägt. Die in Dörfern und kleineren Städten lebenden Menschen verdienten ihren Lebensunterhalt meist als Pachtbauern auf Feldern, deren Eigentümer fernab in den Metropolen des Reiches residierten. Die lokale Verwaltung übernahmen angesehene muslimische Familien, die zueinander in erbitterter Konkurrenz standen. Eine Idee von arabisch-palästinensischer Einheit oder gar nationaler Identität war unter diesen lokalen Würdenträgern bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches nicht existent.
In Palästina lebte aber auch eine Minderheit von Nicht-Muslim*innen, darunter Christ*innen und – bereits seit Jahrtausenden – auch Jüd*innen. Um das Jahr 1880 herum zählte der Jischuv – so der Sammelbegriff für die in Palästina lebenden Jüd*innen – etwa 25.000 Mitglieder. Zur gleichen Zeit lebten dort 450.000 Araber*innen, die zu etwa 90% (400.000) muslimisch und zu 10% (50.000) christlich waren. Damals war das palästinensische Judentum vorwiegend religiös geprägt und konzentrierte sich entsprechend an dem Ort seiner heiligen Stätten, in Jerusalem, wo es bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert die lokale Mehrheit bildete.
Zionistische Bewegung als Reaktion auf europäischen Antisemitismus
Ab der Jahrhundertwende kamen in zunehmendem Maße säkulare Jüd*innen aus Europa in die Region und mit ihnen die Idee eines jüdischen Nationalstaats. Nicht etwa durch gewaltsame Auseinandersetzungen, sondern durch Handel mit den arabischen und/oder osmanischen Großgrundbesitzern erwarben die frühen Zionist*innen schrittweise Ländereien und errichteten ihre Siedlungen.
Die jüdische Nationalbewegung war die Antwort auf die Einsicht, dass sich Jüd*innen selbst in den fortschrittlichen Gesellschaften Europas ihres Lebens nicht sicher sein konnten; dass sich kein Staat um ihre Bürgerrechte scheren werde, wenn es darauf ankommt. Beispielsweise war Theodor Herzl, die prägende Figur des frühen Zionismus, tief erschüttert von der sogenannten Dreyfus-Affäre. Im Jahre 1894 wurde mit Alfred Dreyfus ein hochrangiges Mitglied der französischen Armee in einem unverhohlenen antisemitischen Schauprozess des Landesverrats verurteilt. Die Menschenmassen in Paris skandierten den Slogan „Nieder mit den Juden“. Das Streben nach einem eigenen Staat, der allen Jüd*innen Schutz gewähren solle, beruhte auf der Erfahrung dieses Ausgeliefertseins. Dieser Staat sollte in Palästina entstehen.
Während also die jüdische Nationalbewegung in der Region des heutigen Israels ab der Jahrhundertwende eine deutlichere Gestalt bekam, sind entsprechende Tendenzen auf arabisch-muslimischer Seite erst mit dem Ende des Osmanisches Reiches 1920 und dem Beginn der Britischen Mandatsherrschaft auszumachen. Die widerstreitenden arabisch-palästinensischen Fraktionen bevorzugten dabei unterschiedliche nationale Modelle: Pan-Arabismus war ebenso verbreitet wie die Idee eines Zusammenschlusses mit wahlweise Syrien, dem Libanon oder Transjordanien (dem späteren Jordanien).
Amin al-Husseinis prägende Rolle als proto-palästinensischer Akteur
Eine auf die Etablierung eines eigenständigen muslimisch-arabischen Palästina abzielende Spielart des Nationalismus wurde schnell von der einflussreichen Familie Husseini besetzt. Deren Kopf war, der im Jahre 1921 zum Mufti von Jerusalem ernannte, antisemitische Kleriker Mohammed Amin al-Husseini. Er wurde zur entscheidenden politischen Figur der arabischen Nationalbemühungen in Palästina. Die Husseinis und ihre Gefolgsleute zeichneten sich durch den kompromisslosen und gewaltvollen Umgang mit der britischen Mandatsmacht (vor allem ab den 1930er Jahren), mit der jüdischen Minderheit und – nicht zuletzt – auch mit der moderateren inner-arabisch-palästinensischen Opposition aus.
Arabischer Aufstand 1936-39 & Peel-Teilungsplan
Nach 1920, 1921 und 1929 kam es 1936 zu den bis dato verheerendsten Gewaltausbrüchen. Die arabisch-palästinensische Führung rief einen gewaltsamen Generalstreik im gesamten Mandatsgebiet aus. Ziel war der Abzug der Briten und ein unabhängiges Palästina unter arabisch-muslimischer Herrschaft. Mindestens aber sollte die jüdische Zuwanderung eingedämmt werden, die seit den frühen 1930er Jahren aufgrund der Entwicklungen im nationalsozialistischen Deutschland in die Höhe schnellte.
Bei den Unruhen tötete die Husseini-Fraktion 80 Jüd*innen, 28 Brit*innen und insgesamt etwa 1.000 arabische "Verräter*innen". Dies veranlasste die britische Mandatsmacht dazu, eine Untersuchung über die politische Zukunft des Mandatsgebietes einzuleiten. So veröffentlichte im Juli 1937 die sogenannte Peel-Kommission den ersten Teilungsvorschlag für Palästina.
Konsequenzen des Arabischen Aufstands
Amin al-Husseini setzte seine Linie der absoluten Kompromisslosigkeit aber durch. Die Peel-Empfehlungen wurden einseitig abgelehnt. Den neuerlichen Aggressionen entgegneten die Briten mit hartem Durchgreifen.
Al-Husseini entging bereits 1937 seiner Verhaftung durch die Flucht ins (zunächst libanesische) Exil, von wo aus er die Rebellion jedoch weiterführte. Er ließ arabische Befürwort*innen einer Teilung weiterhin konsequent ermorden und erreichte damit, dass ab dem Ende der 1930er Jahre die pragmatischeren palästinensischen Akteur*innen kaum noch wahrnehmbar waren.
Als Reaktion verabschiedeten die Briten am 15. Mai 1939 in einem Akt der Beschwichtigung gegenüber den Aufständischen das sogenannte Weißbuch. Dieses sah vor, die jüdische Einwanderung für fünf Jahre auf 15.000 pro Jahr zu beschränken – ein Versuch, die arabischen Staaten bei der Frontenbildung im sich abzeichnenden Zweiten Weltkrieg nicht zu verprellen. Diese Beschränkung blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestehen und hinderte zahllose Jüd*innen an der Flucht in das Mandatsgebiet.
Die Jüd*innen Palästinas lehnten sich zunächst gegen das Weißbuch auf. Angesichts der räumlich näher rückenden nationalsozialistischen Bedrohung sahen sie sich mit einem Dilemma konfrontiert, weil die Bestimmungen darin den europäischen Jüd*innen den Fluchtweg abschnitten. Sie akzeptierten schließlich notgedrungen die Beschränkungen und kooperierten bis 1945 eng mit der britischen Mandatsmacht gegen den deutschen Vormarsch in Nordafrika. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs ruhte der britisch-arabisch-jüdische Dreieckskonflikt im Mandatsgebiet Palästina weitgehend. Wie viele Menschen vor der Ermordung durch die Deutschen hätten gerettet werden können, wäre das Weißbuch nicht über die gesamte Dauer des deutschen Vernichtungsfeldzugs hinweg aufrechterhalten worden, bleibt der Spekulation überlassen.
Al-Husseini verbrachte die Kriegsjahre größtenteils in Berlin. Dort war er in enger Zusammenarbeit mit der nationalsozialistischen Führung tätig: Er half bei der Rekrutierung von bosnisch-muslimischen Waffen-SS-Mitgliedern und war beteiligt an der Planung des als "Farhud" bekannt gewordenen Pogroms in (dem mit Nazideutschland affiliierten) Bagdad. Am 1. und 2. Juni 1941 wurden dort zwischen 200 und 600 Jüd*innen ermordet und weitere 1.000 verletzt.
Außerdem war al-Husseini federführend beteiligt daran, von Berliner Rundfunkanstalten aus Traktate und Radioprogramme in arabischer Sprache in den Nahen Osten zu senden. Dabei handelte es sich um Texte, in denen sich ein aktualisierter islamistischer Hass gegen Jüd*innen in seiner heute noch wirksamen Prägung ausdrückt.
In Husseinis Beiträgen wird traditioneller islamischer Antijudaismus (nach welchem etwa 'die Juden' minderwertig und unrein, jedoch unterlegen und schwach seien, weshalb eine von ihnen ausgehende Bedrohung vernachlässigbar erschien) vermengt mit dem modernen Antisemitismus des NS, nach welchem 'die Juden' die zersetzenden Feinde der Menschheit schlechthin seien und die allmächtigen Verursacher allen Übels. In dieser Ideologie wird die Auslöschung der Jüd*innen zum Erlösungsversprechen verklärt.
Weiter geht es auf der Seite Staatsgründung.